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  • AutorenbildLukas Rupp

Auf einer Alp in Graubünden

Aktualisiert: 7. Okt. 2022

Im Rahmen eines Zivildiensteinsatzes arbeitete ich im Spätsommer 2022 für einen Monat auf dem Biohof Taratsch in Lohn (GR), das ein Esswahrnehmungs-Restaurant der Naturköchin Rebecca Clopath beinhaltet. Ihr Ziel ist es, das kulinarische Erbe der Alpen und die Landwirtschaft direkt mit der Gastronomie zu verbinden. Mehr dazu auf ihrer Website: https://rebecca-clopath.ch


Strenge und lange Tage waren es, doch nie zuvor wurde ich mit solch köstlichen Speisen versorgt wie im Bauernhaus der Familie Clopath. Dabei handelte es sich beim kulinarischen Höhepunkt um ein Hirschfilet, das Rebecca's Vater Christian letzten Herbst oberhalb von Lohn selbst schoss. Da ich mich normalerweise grösstenteils von vegetarischer Kost ernähre, war dieses Erlebnis besonders speziell für mich. Zu wissen, dass das prächtige Tier wahrscheinlich über mehrere Jahre von Christian beobachtet wurde und so verankert und zu Hause auf diesen Berghügeln war wie er selbst, ergriff mich mit einem Gefühl der Demut. Als Anfangs September die Jagdsaison anfing für die Bündner, wurde ich mit der Euphorie deren Teilnehmer bekanntgemacht und lernte einige Ausdrücke der Jägersprache kennen. Um einen Jäger zu grüssen oder zu beglückwünschen, sagt man "Weidmannsheil", worauf dieser mit "Weidmannsdank" antwortet. Hat jemand "Kapital" geschossen, dann ist die Wahrscheinlichkeit solch ein Tier zu erlegen, eher klein und somit ein grosser Erfolg.

Immer wieder hörte man Schauergeschichten vom Wolfsrudel, das sich in der Region um Lohn herumtreibt. Einige Kühe und Schafe wurden bereits gerissen und einst begegnete ein Hirt selbst dem Wolf, der ihn mit gefleischten Zähen bedrohte. Als ich an meinem letzten Arbeitstag mit anderen Bewohner*innen von Lohn die steilen Hänge hochfuhr, um die Mutterkühe von der Alp zu holen, sahen wir an der Hinterseite einer Hütte einen riesigen Hirsch hängen. Armond, der hinten im Kofferraum sass, meinte beiläufig: "Ich würde lieber den Wolf da hängen sehn."



Sonne, schon wieder gehst du auf,
Und mit dir mein Herz,
Über die Kämme schickst du Strahlen voraus,
Ungemessen deines Werts.

Im Holunderbusch spielen die Spatzen ihr Spiel,
Noch picken sie im Kontrast des Lichts,
Dein ganzes Schaffen subtil,
Verteilung dessen was bricht.

Keine Wolke am Himmel,
Schatten allerlei,
Von Farben die Vögel singen,
Morgenstund, behalt' mich so frei.

06.09.2022, Lohn GR

Dies ist ein Gedicht, das ich an einem frühen Morgen als noch nicht einmal der Hahn krähte, in der warmen Stube im Hause Clopath geschrieben habe. Am selben Tag fuhren wir mit dem Heuwagen hoch Richtung Piz Beverin, wo das getrocknete Heu zusammengerecht und aufgeladen wurde. Unter den Bauern von Lohn gibt es ein Sprichwort auf Rätoromanisch, das besagt, am Spitz des Piz Beverins liesse sich an einem bewölkten Tag die noch vorhandene Zeit ablesen, bis das Heu verregnet würde. Christian kennt diese Hänge und deren Launen so gut wie seine eigene Hosentasche, und wusste daher genau, wann es Zeit wurde aufzubrechen, um nicht mit nassem Heu heimzukehren. Ich und ein anderer Arbeiter kletterten auf den Heuwagen und nisteten uns da oben ein. Es war kalt und es windete heftig, aber in mir machte sich eine starke Zufriedenheit breit, während ich auf einem Strohhalm kaute. Am Abend im Trockenen durfte ich die Käseleibe im Keller pflegen. Alle drei Tage werden diese mit speziellem Salz und ein wenig Wasser "gestrichen". Dies bewahrt sie vor dem Austrocknen und verleiht ihnen über die Zeit einen guten Geschmack. Faszinierend einmal einen ganzen Käse in den Händen zu halten, mit ihm zu arbeiten, sein Gewicht zu spüren und den intensiven Geruch an den eigenen Händen zu riechen.



Mein Zimmer war klein und spartanisch eingerichtet. Eine Matratze, darüber Bettanzug mit zwei Engeln abgebildet, eine Kiste als Nachttisch, wo sich meine Bücher stapelten, eine Zimmerpflanze auf einem Teppich stehend und ein Schreibtisch, sowie Kleiderschrank.


Einst sass ich mit Tränen in den Augen auf der besagten Matratze meines Zimmers, ohne genau zu wissen, warum ich weine. Vor meinem inneren Augen sah ich uns wieder beim Heuen. Wir Kinder der Erde mit den langen Rechen am Hang des mächtigen Berges, dem Wind ausgesetzt, der mal schmeichelnder Freund, und an anderen Tagen unangenehmer Gegner sein kann. Weinend darüber sinierend, nicht glücklich, nicht traurig, aber in der Schnittstelle zwischen diesen beiden Gefühlen ruhend, fühlte ich mich lebendig wie die Naturlaunen selbst.



Gedanken über das Unterwegssein:


Durch das Erleben der Weite, des zuvor Unbekannten, wird alles Vertraute der Heimat differenzierbarer und echter. Darum möchte ich mich nicht fürchten, alleine loszuziehen, neue Farben und Gerüche zu erleben. Ein jeder Blumenstrauss, jegliches Bildnis wird an Reinheit und Sättigung gewinnen bei der Rückkehr. Mit ausgeschweiften Sinnen kerbe ich meinen Wanderstock zwischen Vergangenheit und Zukunft tief in die Erde hinein.



In Christian's Fröhlichkeit, Arbeitshaltung und einer gewissen grossväterlichen Strenge, erinnerte er mich oft an meinen eigenen Grossvater, welcher auch Bauer war. Eines Tages fuhren wir beide durch den Wald, wo wir dem Förster begegneten, der gerade dabei war die gefällten, gut riechenden Tannen mit Farbe zu markieren.

"Mini bringsch denn au no vrbi, gell?", sagte Christian mit einem spitzbübischen Lächeln zur Begrüssung. Er versicherte sich anschliessend beim jungen Förster, dass sein Holz nicht zu dick sein darf, damit die Scheite in den Ofen passen. Nach anschliessendem Wortwechsel, folgte eine lange Pause der Stille zwischen den beiden, wobei man höchstens ein Ausatmen oder ein "Jajooo" hören konnte. Wie viele Menschen in so einer Situation das Gespräch vor Peinlichkeit oder Eile wohl mit einem "Aaalso, ich muss dann!" beendet hätten? Nicht aber an so einem Ort, fern der Stadt und Schnelllebigkeit. Es waren solche Begegnungen im kleinen Bergdorf, die ich zu beobachten so sehr genoss, wo die schönen Klänge von Tieren, Bächen, Bäumen und Menschen die Stille ganz nah bei sich trugen.



Am Morgen des 22.8.2022 rannten die beiden Kaninchen des Nachbarn in ihrem Gehege hastig von mir weg als ich in deren Richtung lief. Es roch nach nassen Gräsern, die von den ersten Sonnenstrahlen gewärmt werden. Während ich meine Schuhe von Dreck befreite, erblickte ich die Nachbarskatze auf dem Balkongeländer, wagehalsig und eitel, ihr Fell putzen. Von Dorfmitte aus krähte der Hahn und hunderte Spatzen zwitscherten zur Feier eines neu angebrochenen Tages. Von einem etwas älteren Nachbarn namens Anton, wehte mir der gutriechende Tabakrauch seiner Pfeife entgegen. In einer Rabatte befreie ich nach dem Bestaunen meiner Umgebung den Frauenmantel von klebenden Winden, die sich an der Heilpflanze emporrankten. Da sich der Winter bereits ankündigte, füllte ich an diesem Tag den Holzspeicher im Haus. Während ich die Schubkarre hoch und runter fuhr, wurde mir klar, um welch schöne Tätigkeit es sich dabei handelt: Ich kann anderen Menschen Wärme bescheren. Nach getaner Arbeit fand ich vor der Ampferwiese neben Siloballen, Holzpaletten und Brennnesseln ein eingezwängtes 'Schmalblättriges Weidenröschen', das über seine Nachbarn hinweg ragte. In Berührung mit ihr konnte ich mir ein wenig Verliebtheit nicht verkneifen. Dutzende pinkfarbige Blüten hingen von ihr, mit sechs glänzenden Narben in ihrem Innern. Sie erreichte etwa dieselbe Grösse wie mein eigener Körper.




"Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen,
In Berg und Wald und Strom und Feld."
-Joseph von Eichendorff




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