Abschliessender Bericht über mein IZA-Praktikum in Brasilien
- Lukas Rupp
- 18. Dez. 2025
- 7 Min. Lesezeit
In diesem letzten Blogbeitrag blicke ich auf meine drei Monate Praktikumszeit bei der ABAI zurück. Ich reflektiere sowohl über Gelungenes als auch über Aspekte, die rückblickend vielleicht anders oder besser hätten laufen können. Seit dem letzten Blogbeitrag sind die Tomaten sowie auch die Mais- und Bohnenpflanzen fleissig gewachsen, es gab weitere politische Events und ich durfte einen Collagen-Workshop leiten mit den Kindern.

Wie ist es mit deiner Projektarbeit gelaufen? Bist du rückblickend zufrieden damit?
Meine Projektarbeit gliederte sich in drei Teilprojekte:
- Die Wiederinstandsetzung des Gewächshauses und Bepflanzung mit Tomaten
- Die Pflanzung vom indigenen Mais Avaxi-Ete’i mit der «Turma Camomila»
- Das Begleiten der «Turma Camomila» und Durchführung von Workshops
Insgesamt bin ich mit allen Projekten sehr zufrieden. Besonders dankbar bin ich den Mitarbeitenden der ABAI dafür, dass mir viel Freiraum gelassen wurde, um eigene Ideen einzubringen. Dieser Spielraum ermöglichte es mir, in meinen Interessensbereichen motiviert und selbstständig zu arbeiten. Natürlich verlief jedoch nicht alles nach Plan, was bei der Arbeit mit der Natur kaum anders zu erwarten war. Gerade in der Agrarökologie sollten Entscheidungen nicht überstürzt getroffen werden, etwa im Falle eines Schädlingsbefalls.
Auch die Arbeit mit den Kindern erforderte ein hohes Mass an Flexibilität. Vor etwa zwei Monaten säten wir gemeinsam Mais und Bohnen. Für Jonatas und mich stellte es dabei eine Herausforderung dar, dass die Kinder unsere Inputs so umsetzten. Vieles geschah sehr schnell und eher chaotisch: Statt der vorgesehenen drei Mais- oder Bohnensamen landeten mitunter das Doppelte oder Dreifache in der Saatrinne. Wenn ich mir das Milpa-Feld heute anschaue, gefällt es mir jedoch gerade wegen dieser Unperfektheit sehr, weil es die spielerische, lebendige Handschrift der Kinder trägt. Ein zentrales Ziel war es ja auch, dass die Kinder selbst lernen, wie man ein Milpa-Feld auf einfache Weise anlegen kann. Die Tätigkeit – wie so viele bei der ABAI – sollte zudem ihre eigene Identität stärken und ihnen ermöglichen, am Ende auf das Feld zu blicken und sagen zu können: «Das haben wir gemeinsam mit der Natur gemacht.» Für eine zukünftige Umsetzung der Milpa würde ich den Mais ein bis zwei Wochen früher als die Stangenbohnen aussäen. Durch die gleichzeitige Aussaat mit den Kindern entwickelten sich die Bohnen schneller, als der Mais sie stützen konnte, was ein nachträgliches Abstützen mit Bambusstangen erforderlich machte.

Die Arbeit im Gewächshaus gestaltete sich zu Beginn organisatorisch etwas schwierig, da zunächst unklar war, wer die Verantwortung für diesen Ort trug. Ein Mann aus dem Rehabilitationsprogramm erklärte sich bereit, die Tomatenpflanzung zu übernehmen, und wir arbeiteten eine Zeit lang zusammen. Dann war er plötzlich nicht mehr da. Auch das gehört zur Teilrealität der ABAI: Nicht alle halten die neun Monate der Entzugstherapie durch, sondern kehren auf die Strasse oder zu ihren Familien zurück...
Die Arbeit im Gewächshaus bereitete mir grosse Freude und sie liess sich gut mit der Tätigkeit im Saatguthaus verbinden; beide Orte liegen etwas abseits des eigentlichen ABAI-Geländes. In der vergangenen Woche zogen starke Winde durch den gesamten Bundesstaat Paraná, sodass wir drei Tage lang ohne richtigen Strom und Wasser waren. Das Unwetter verursachte auch Schäden am Gewächshaus und an den Tomatenpflanzen. In den darauffolgenden Tagen waren wir damit beschäftigt, diese zu beheben und die Tomaten hochzubinden, um ihnen mehr Stabilität zu verleihen. In Gesprächen mit Einheimischen hörte ich mehrfach, dass solche Extremwetterereignisse in den letzten Jahren stark zugenommen haben. Für die Zukunft wird es für die ABAI wohl auch darum gehen, in dieser Hinsicht resilienter zu werden, um vor solchen Unwettern bestmöglich gewappnet zu sein.

Konntest du die im Project Proposal definierten Aufgaben und Ziele umsetzen?
Zwar wichen die ursprünglich geplanten Projekte teilweise von der tatsächlichen Umsetzung ab, dennoch bin ich der Meinung, dass die Arbeiten in der Form, wie ich sie schliesslich ausgeführt habe, umfangreicher und sinnvoller waren und insgesamt einen grösseren Mehrwert für die ABAI darstellten. Das "Project Proposal" empfand ich dennoch als hilfreich, da es bereits zu Beginn eine thematische Richtung vorgab. Diese bewegte sich bei mir rund um den indigenen Mais sowie um die Erarbeitung eines Umweltbildungskonzepts – Bereiche, von denen letztlich nicht gross abgewichen wurde.
Wie bewertest du den fachlichen Wissenszuwachs?
Meinen fachlichen Wissenszuwachs sehe ich vor allem im kulturellen, politischen und pädagogischen Bereich und weniger in der Landwirtschaft selbst. In den Gesprächen mit den verschiedenen Akteur:innen der ABAI sowie ihren Verbündeten lernte ich, wie der Widerstand gegen das "Agrotóxico-Business" organisiert und wirksam geführt werden kann und wie durch starke Vernetzung die Lebensqualität der lokalen Bevölkerung verbessert wird. Ernährung als zentralen politischen Gegenstand zu begreifen, erscheint mir dabei besonders einleuchtend.
Von Gilberto und Jonatas lernte ich zudem, wie man als starke Vorbilder eine Gruppe von Kindern anleitet, ihnen Zuwendung und Raum für die Bewunderung der Natur gibt und gleichzeitig genügend Autorität ausstrahlt, um die in diesem Umfeld notwendige Struktur aufrechtzuerhalten. Wie ich bereits in einem früheren Blogpost erwähnt habe, haben viele dieser Kinder zu Hause traumatische Erfahrungen gemacht, die etwa ihr Selbstbild erschüttern oder das Vertrauen in andere Menschen beeinträchtigen können. Durch das Mitwirken und Beobachten der Aktivitäten lernte ich unterschiedliche Wege kennen, wie Kinder über den Kontakt mit der Natur ein Gefühl für den eigenen Körper entwickeln können – sei es durch die Arbeit mit Ton, das Spielen von Instrumenten und Capoeira, Fussball, Singen, Rennen oder durch Gartenarbeit.

Was waren rückblickend deine Highlights während der Praktikumszeit?
Zu meinen Highlights gehörten die beiden Saatgutevents, bei denen ich in Kontakt mit Guaraní und Quilombolas kam. Es wurde getanzt, gesungen, gemeinsam gegessen und am Ende kreolisches Saatgut untereinander geteilt. Erneut wurde mir dabei vor Augen geführt, dass sich Brasilien als Land besonders gut über die Musik erschliessen lässt. Auch jede Roda de Capoeira zählt für mich zu den Höhepunkten, selbst wenn ich nur selten aktiv im Kreis kämpfte. Die Energie, die von dieser Kampfkunst ausgeht, lässt niemanden unberührt.
Am 10. Dezember feierten wir im Zentrum von Mandirituba den Internationalen Tag der Menschenrechte. Auch dieser Anlass war definitiv ein Höhepunkt und zugleich ein schöner Abschluss meines Praktikums. Die hauseigene Band "Filhos da Mãe Terra" sorgte für eine ausgelassene Stimmung, die Kinder präsentierten ihre Capoeira-Künste, wir zogen in einem kleinen Demonstrationszug durch das Dorf, es wurden spannende Reden gehalten und schliesslich eine grosse Menge Gemüse der Cooperativa kostenlos an die Bevölkerung verteilt.


Inwiefern entspricht dein Einsatz dem, was du erwartet hattest? Gab es Tiefpunkte oder schwierige Phasen? Wenn ja, wie konntest du sie bewältigen?
Mein IZA-Praktikum übertraf definitiv meine Erwartungen und ich würde diese Entscheidung wieder treffen. Normalerweise würde ich mich zu dieser Jahreszeit in der Schweiz mit viel Schulstress und einer Winterdepression rumkämpfen. Das Umfeld der ABAI (Natur, die Menschen, die ausgewogene Arbeit) bot mir die Voraussetzungen, um ein Praktikum zu bewältigen, das nur ein kleinstes Minimum an schwierigen Phasen aufwies. Das hatte dann mit Themen der Einsamkeit zu tun, mit dem Bedürfnis sich mit einem guten Freunden zu unterhalten, der einem blind versteht beispielsweise. Die ABAI gab mir ausserdem immer zu verstehen, dass ich bei einem tieferen Problem diverse Ansprechpartner hätte. Glücklicherweise war mein Praktikum aber wirklich von einer Grundzufriedenheit geprägt sowie einem grossen Vertrauen untereinander.
Wo musstest du deine anfängliche Einstellung/Vorstellung von Entwicklungszusammenarbeit überdenken?
Meine anfängliche Vorstellung von Entwicklungszusammenarbeit war stark von der Idee geprägt, dass Wissen, Methoden oder Lösungen von aussen eingebracht werden müssten. Diesen Druck habe ich in der Vorbereitung meines Praktikums teilweise auch seitens der ZHAW gespürt, was ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann, da sichergestellt werden muss, dass ein IZA-Praktikum im Ausland nicht einfach dem „Ferienmachen“ gleichkommt und letztlich auch akademisch anerkannt wird. Vor Ort wurde mir jedoch deutlich, dass vieles von dem, was als "Entwicklung" bezeichnet wird, bereits existiert, in Form von lokalem Wissen, agrarökologischen Praktiken, sozialen Netzwerken und politischer Organisation. Meine Rolle bestand dadurch auch zu einem grossen Teil darin, zu beobachten, zuzuhören und bestehende Prozesse zu unterstützen. Entwicklungszusammenarbeit verstand ich hierbei also weniger als technisches Projekt, sondern vielmehr als Beziehung, als gemeinsamen Lernprozess und als ein politisches Thema, das sich mit Fragen des historischen Hintergrundes einer Nation und den aktuellen Machtverhältnissen auf der Erde beschäftigt. Unter diesem Blickwinkel erscheint mir auch der Begriff der "Entwicklungshilfe" nicht ganz unproblematisch. Viele sogenannte "Entwicklungsländer" könnten heute wahrscheinlich auf einem vergleichbaren Stand wie europäische Länder sein, gäbe es den Kolonialismus und den fortwirkenden Neokolonialismus nicht. Ein Mitarbeiter des "Casa da Semente" meinte zu mir, Brasilien sei für ihn das Land des ungenutzten Potentials. So viel Fläche, so viel fruchtbares Land, so viel Rohstoffe und Wasser und dennoch gibt es immernoch über 10 Millionen Menschen, die in extremer Armut leben. Aus meiner Sicht ist Ländern wie Brasilien langfristig am meisten geholfen, wenn der europäische Neokolonialismus mit seinen multinationalen Konzernen entlang globaler Wertschöpfungsketten beendet oder vorher überhaupt erst einmal grundlegend infrage gestellt wird.
Siehst du dich allenfalls in Zukunft im Umfeld der internationalen Zusammenarbeit? Wo hast du Zweifel?
Definitiv! Ich habe mich seit meiner IZA-Anmeldung auch schon umgesehen, was es für Jobmöglichkeiten gibt, da ich meine Begeisterung für Sprachen gerne in der Zukunft mit einem Job verbinden möchte im Sozial- und Umweltbereich. Da ich sehr gerne und interessiert über Geschichte und Politik lese, ist es im Grunde auch ein starker Antrieb, aktiv helfen zu wollen, weil einem die Fülle an (negativen) Information sonst droht zu erdrücken.
Wie war die Arbeit im Team, mit den Einheimischen?
Anfangs etwas schwer, aufgrund der Sprache. Da war ich aber um die Anwesenheit von Marianne und ihrer Tochter froh, welche mir gewisse Dinge auf Schweizerdeutsch übersetzen konnten. Auch im Saatguthaus musste ich mich erstmals an die vielen Fachausdrücke gewöhnen oder an die vielen verschiedenen Gemüsenamen. Im täglichen Kontakt mit diesen Begriffen, prägte sich das aber sehr schnell in mein Gedächtnis ein und ich konnte besser einordnen, was Manuela (Leiterin des Saatguthauses) von mir verlangte. Um auch noch ein grundlegendes Bild einzufangen: Egal wo man auf dem Gelände der ABAI gerade lief, wenn man jemanden antraf, wurde man stets freundlich begrüsst, es gab viel Raum für spontane Gespräche, auch mit den Kindern.
Gab es Faktoren, die den Austausch erschwert haben und was hat ihn gefördert?
Vielleicht höchstens, dass der Unterschied zwischen Volunteer und Praktikant nicht allen bewusst war. Dies wahrscheinlich, weil die ABAI noch nicht viele Praktikant:innen aus der Schweiz hatte. Jonatas war ganz erstaunt, als ich mit Ideen zu ihm kam. Er meinte, normalerweise würden die Volunteers einfach da mithelfen, wo es gerade Bedarf gibt. So hat es ein paar Wochen benötigt, bis mein Auftrag hier etwas klarer wurde, auch für mich selbst.
Den Austausch hat sicherlich die Bereitschaft von Marianne, Jonatas, Gilberto, Manuela etc. gefördert, mir neue Einblicke zu gewähren. Sie haben sich oft die Zeit genommen, mir Dingezu zeigen und zu erklären. Ich meinerseits brachte ein grosses Interesse und einen Willenshunger mit, was gut zueinander passte.




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