top of page
Suche

Interview mit Giovanny – Teilnehmer der therapeutischen Gemeinschaft der ABAI

Aufahme einer Wand im Zentrum von Curitiba
Aufahme einer Wand im Zentrum von Curitiba

Giovanny ist 32 Jahre alt, lebt normalerweise in Curitiba im Bundesstaat Paraná und befindet sich seit rund drei Monaten in der therapeutischen Gemeinschaft der ABAI, um sich von einer Alkohol- und Drogensucht zu lösen. Die ABAI bietet solche Plätze für Männer an, die in einem geregelten Tagesablauf, eingebettet in Natur und agrarökologische Tätigkeiten, den Weg zurück in ein selbstständiges Berufs- und Alltagsleben finden möchten. Da ich während meines Praktikums über drei Monate hinweg viel Zeit mit diesen Männern verbringen durfte und sie – neben wenigen Mitarbeitenden sowie der Gründerin Marianne Spiller und ihrer Tochter – ihren festen Wohnsitz auf dem Gelände der ABAI haben, wollte ich gegen Ende meines Praktikums genauer erfahren, was diese Männer bewegt und welche persönlichen, aber auch gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge hinter ihrem Alkohol- und Drogenkonsum stehen könnten.


Ich danke Giovanny vielmals für diese persönlichen Einblicke in sein Leben und für die Bereitschaft dieses Interview mit mir zu führen. Das Gespräch wurde aufgenommen, transkribiert und vom Portugiesischen ins Deutsche übersetzt.


Wann bist du in die ABAI eingetreten und warum?

Ich bin am 11. September 2025 in die ABAI eingetreten, um eine Behandlung wegen meiner chemischen Abhängigkeit zu beginnen. Ich bin abhängig von Alkohol und Kokain und bin hierhergekommen, um mein Leben zu verbessern. Die Behandlung dauert insgesamt neun Monate.


Und wie war dein Leben vor ABAI?

Das ist bereits meine vierte Therapie in der ABAI. Ich absolvierte zwei neunmonatige und zwei dreimonatige Therapien. Und vor diesem Rückfall habe ich gearbeitet, ich war Fahrer. Und ich habe Softwareentwicklung studiert. Ich war in einer Beziehung, zu Hause war alles in Ordnung. Aber als ich, sagen wir mal, die Dinge eskalieren liess, konnte ich mich nicht mehr beherrschen, ich hatte keine Kontrolle mehr.


Hast du jeden Tag Kokain genommen?

Ja, anfangs nur am Wochenende. Und dann, als die Sucht, das Verlangen, stärker wurde, war es jeden Tag. Und dann verliert man die Kontrolle. Ich habe keine Kontrolle mehr über mein Leben. Ich kann nicht einfach aufhören. Ich konsumiere so lange, bis ich kein Geld mehr habe, dann fange ich an, mir Geld von meiner Mutter oder meiner Grossmutter zu leihen. Und dann wird es verrückt. Also habe ich dieses Mal darum gebeten, wieder stationär aufgenommen zu werden. Weil ich es nicht mehr aushalten konnte. Und dann habe ich alles verloren. Ich habe meine Freundin verloren, mein Auto verloren, den Kontakt zu meiner Familie verloren.


Drogen wie Kokain sind in der Regel ja ziemlich teuer, wie hast du dir das finanziert?

Ja, es ist sehr teuer, aber ich habe immer gearbeitet, um es mir zu leisten. Manchmal habe ich eine Rechnung nicht bezahlt, um es zu kaufen. Die Gegend, in der ich wohne, befindet sich direkt neben der grössten Favela namens Parolin in Curitiba. Der Zugang war also immer sehr einfach. Es ist wie in die Küche zu gehen, es dauert keine fünf Minuten. Und ich bin mit dieser ganzen Bewegung aufgewachsen. In meiner Strasse gab es an der Ecke meines Hauses Drogendealer. Deshalb habe ich früh angefangen, Marihuana zu rauchen und Alkohol zu trinken. Mit 15 habe ich dann Kokain probiert und war sofort süchtig.


Konntest du den Kontakt zu deiner Familie wieder herstellen?

Ja, ich habe wieder Kontakt, aber ich hatte noch keinen Besuch von ihnen. Weil ich, wie ich dir schon erzählt habe, bereits vier Therapieprogramme absolviert habe. Und sie verlieren dann irgendwie die Hoffnung, weisst du? Denn dann verlässt man die Therapie, steht wieder auf und fällt wieder zurück. Man nennt das Co-Abhängigkeit. Genau wie ich leiden sie auch, oder sogar noch mehr.


Wie empfindest du diesen Ort hier? Gefällt dir die ABAI?

Ja, es ist ein Geschenk, es ist direkter Kontakt mit der Natur. Ich war schon in einer Klinik, die total abgeschottet war, wie ein Krankenhaus. Und da gibt es überhaupt keinen sozialen Kontakt, nur Medikamente. Und man lernt dort nichts über die Krankheit, es ist einfach nur abgeschottet, es ist reine Entgiftung. Dann bleibt man 90 Tage dort und geht wieder. Hier haben wir Kontakt zur Natur, wir haben die frische Luft. Mir gefällt es hier sehr gut, ich mag die Natur, ich angle gern, beobachte gern. Für mich ist das wirklich perfekt.


Das klingt sehr schön. Dennoch muss es sehr schwierig für dich sein, was du durchmachst. Was gibt dir Hoffnung?

Ich habe in einer anderen Einrichtung als Betreuer gearbeitet und musste daher einige Kurse besuchen. Was den theoretischen Teil der Sucht angeht, kenne ich mich recht gut aus. Und ich glaube fest daran, dass der spirituelle Aspekt der Grund für unsere Rückfälle ist. In der Vergangenheit war es jeweils so: Ich trinke ab und zu ein Bier, rauche ab und zu einen Joint. Aber dann plötzlich überschreite ich diese Grenze und gehe dann auch nicht mehr in die Kirche. Ich suche den religiösen Weg also nicht aktiv, sondern nur, wenn es mir wirklich schlecht geht. Ich kann es in der Kirche oder bei den Anonymen Alkoholikern manchmal nicht durchhalten. Meine Rückfälle kommen daher, dass ich die nötige Disziplin vernachlässige. Ich weiss nicht, was mit mir los ist, aber wenn es mir gut geht, lasse ich alles fallen. Ich vergesse dann, dass ich diese Sucht habe. Es ist ein Teufelskreis, leider.


Aber bist du religiös erzogen worden?

Ja, ich wuchs katholisch auf, aber eben nicht mehr praktizierend. Früher, als Kind bin ich immer in die Kirche gegangen, weil meine Familie mich mitgenommen hat. Aber mit der Zeit habe ich es verloren, es losgelassen. Aber ich bete jeden Tag und lese in der Bibel, denn ich muss ja Glauben haben, nicht wahr? Ich muss einfach...


Ja, ich denke auch, einen gewisse Glauben zu haben, hilft immer. Gab es viel Gewalt am Ort wo du aufgewachsen bist?

Nicht viel, aber ein bisschen schon. Es ist ein sehr kleines Viertel in Curitiba, wo jeder jede kennt. Ich habe viele Schlägereien und so gesehen, zum Beispiel, als ein Typ aus einem anderen Viertel kam und jemanden ausgeraubt hat. Sie haben ihn beim Rauben erwischt. Dann haben sie ihn verprügelt und die Polizei gerufen. Normalerweise ruft man ja eigentlich direkt die Polizei. Hier ist es genau umgekehrt. Die verprügeln die Leute zuerst und rufen dann die Polizei. So läuft das hier. Ziemlich verrückt.


Um nochmals auf Alkohol und die Drogen zu sprechen zu kommen: Ich habe das Gefühl wenn viele Menschen drogen- oder alkoholabhängig sind, ist das am Ende ein gesellschaftliches Problem und ein Versagen des politischen Systems. Was denkst du darüber?

Ja ich sehe das auch so. Wie gesagt, ich bin in diesem Umfeld aufgewachsen, wo das alles so normalisiert ist. Alle trinken, aber die meisten haben sich im Griff, sie können ein Bier trinken und dann aufhören. Ich hingegen muss bis am Morgen früh weitermachen und immer weiter trinken. Zwischen der siebten und der zehnten Dose, da bekomme ich Lust auf Drogen. Bis zur siebten ist alles gut. Nach der siebten bis zur zehnten, und bei der zehnten gehe ich los, um mir Drogen zu besorgen. Und dann ist es vorbei, ich werde ein anderer Mensch. Ich bin nicht mehr der ruhige Typ, wie ich es jetzt bin.


Was erhoffst du dir am meisten, wenn du die ABAI verlässt?

Ich hoffe, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen, die Kontrolle darüber zu haben und wieder zu studieren. Ich bin seit drei Monaten hier und habe drei Raten meiner Studiengebühren nicht bezahlt, weil ich nicht arbeite. Ich habe das Studium aber nicht abgebrochen, weil ich sonst mein Stipendium verlieren würde. Deshalb möchte ich im Januar abreisen und mein Studium fortsetzen. Und dann meine Zukunft gestalten. Ich überlege, in eine andere Stadt zu ziehen. Ich habe ein Jobangebot in Santa Catarina. Ich bin schon ganz gespannt, ob es klappt.


Das freut mich für dich. Was war am Anfang das Schwierigste als du hierher kamst?

Die Geborgenheit von Zuhause loszulassen, das Haus, die Zeit zum Duschen und so weiter. Wir kommen hier an und kennen vorerst niemanden, was sich dann zum Glück schnell ändert. Ich sage immer, wir kommen genau hier hin, weil es so gut strukturiert ist. Hier lernen wir wieder, früh aufzustehen, regelmässig zu Mittag zu essen und eine Spiritualität zu pflegen.


Fast wie in einem Kloster diese Abläufe oder?

Ja, es ist eine Art Umerziehung, um sich auf die Zukunft vorzubereiten. Wenn man wieder unter Leute geht, muss man vorbereitet sein. Man erholt sich körperlich, emotional und psychisch, und dann geht man wieder raus. Ich bin da sehr zuversichtlich, dass es klappen wird, auch mit der Drogenabstinenz.


Manchmal, wenn Menschen aufhören, chemische Drogen zu nehmen, kann man körperliche Schmerzen spüren oder?

Ja, ich kenne einige Leute, die unter Spätfolgen leiden. Sie hatten Schlaganfälle, also zerebrovaskuläre Ereignisse. Zudem gibt es eine ganze Reihe von Spätfolgen: Gedächtnisverlust, Atemnot etc. Stell dir vor, was das für Leute bedeutet, die Crack in Dosen und mit Stahlwolle rauchen! Ich habe zum Glück nie Crack geraucht. Körperlich magert man sehr ab, verliert viel Gewicht und ruiniert seinen Hals. Die Männer kommen völlig fertig hier an. Selbst bei mir war es so, auch ohne Crackkonsum. Als ich 2022 zum ersten Mal zur ABAI kam, wog ich nur 69 Kilo. Und ich bin 1,80 Meter gross. Ich war spindeldürr.


Gut, dass du dich hier bei der ABAI wieder mit gesundem Essen stärken konntest. Kannst du mir von Brasilien jeweils einen Aspekt nennen, den du liebst, und einen, den du überhaupt nicht magst?

Was ich hier liebe, ist eindeutig das tropische Klima. Kaltes Wetter wäre gar nichts für mich. Und was mich abstosst, ist die Art der Politiker, wie sie dieses Land regieren. Korruption und Unehrlichkeit sind eklatant. Ehrlich gesagt ist es ziemlich beschämend, denn ich bin 32 Jahre alt und wähle seit meinem 16. Lebensjahr. Und nichts ändert sich, egal wen man auch wählt. Die Zeit vergeht, und man stellt fest, dass sie Geld unterschlagen haben und jemanden unterstützt haben, der ebenfalls damit fahrlässig umging. Leider scheint dieser Aspekt der Politiker in der brasilianischen DNA zu liegen. Sie versuchen, so wenig wie möglich zu helfen, um ihre eigenen Taschen zu füllen. Natürlich nicht alle, aber die meisten. Wir haben almmählich kein Vertrauen mehr.


Nicht einmal in Lula?

Als Lula 2003 zum ersten Mal Präsident wurde, war ich 10 Jahre alt. Er hat tatsächlich einiges verändert, aber Brasilien erlebte auch unabhängig davon ein wirtschaftliches Wachstum, etwa in der Industrie, unterstützt durch ausländische Investoren aus Europa und den USA. Sein Beitrag bestand vor allem darin, Programme zur Unterstützung der Armen einzuführen, wie zum Beispiel Bolsa Família. Wenn ich es zusammenfassen müsste, würde ich sagen: Es ist gerade eine gute Regierung – weder schlecht noch herausragend.


Und hast du eine Idee oder einen Gedanken bezüglich der Zukunft dieses Landes?

Ich habe die Hoffnung, dass es eines Tages ruhiger wird. Ich weiss genau, wie es ist, den ganzen Monat zu arbeiten, Gehalt zu bekommen, Miete zu zahlen und Lebensmittel einzukaufen – und am Ende bleibt trotzdem nichts übrig. Man schuftet ständig, hetzt von einem Termin zum nächsten, und die Arbeit von Angestellten wird oft völlig unterbewertet. Schon vor meinem Rückfall hatte ich zwei Jobs. Ich erinnere mich, dass ich kaum geschlafen habe und total gestresst war. Mein Portemonnaie war zwar voll, aber ich wusste nicht, wofür ich es ausgeben sollte. Als ich das begriff, begann ich wieder zu trinken und Drogen zu nehmen. Ich hoffe in Zukunft auf die Umsetzung der Arbeitsmarktreform, von welcher schon lange gesprochen wird.






 
 
 

Kommentare


bottom of page