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  • AutorenbildLukas Rupp

Torf: Klimakiller oder Klimaretter

Aktualisiert: 19. Okt. 2022

Kauft man Pflanzenerde im Gartencenter, enthält diese mit grosser Wahrscheinlichkeit Torf. Doch was ist Torf überhaupt?

''Torf ist eine Form von Humus, die in Mooren durch die Sauerstoffarmut unter Wasser und den sauren pH-Wert aus abgestorbenen Moorpflanzen entsteht[1]. ’’


Er verhält sich also ähnlich wie Kohle oder Erdöl, diese entstehen nämlich auch durch eine langsame Anreicherung von organischem Material. Durch die Staunässe in den Mooren wird der Boden von Sauerstoff ferngehalten, was die sehr langsame Verrottung des Pflanzenmaterials zur Folge hat. Etwa ein Millimeter pro Jahr wächst die verrottende Masse nach oben. Insgesamt werden diese Schichten mehrere Meter dick. Die untersten Schichten sind so alt, dass einige von ihnen kurz vor der letzten Steinzeit (vor ca. 10'000 Jahren) abgelagert wurden. Gelegentlich werden sogar Moorleichen gefunden, welche vor Tausenden Jahren im Moor versanken. Das Erstaunliche: Die Leichen sind häufig noch gut erhalten samt Kleidung und Ausrüstung. Grund dafür sind die stark verlangsamten Verwesungsprozesse, in denen die enthaltenen Nährstoffe nur sehr langsam freigesetzt werden.[2] Die älteste Moorleiche von Irland trägt den Namen ‘’Stoneyisland-Mann’’, wurde 1929 in Irland gefunden und ungefähr auf die Jahre 3350–3220 v. Chr. datiert.[3]


Das Verschwinden der Hochmoore


Hochmoore tragen ihren Namen deshalb, weil sie sich durch die Ansteigung der Torfschicht langsam über die umliegenden Gebiete erheben. Die Hochmoore im Flachland gehören zu den seltensten und gefährdetsten natürlichen Lebensräumen in Westeuropa. In Grossbritannien umfassen sie eine unglaubliche Artenvielfalt von ca. 3000 verschiedenen Insekten- und 800 Blütenpflanzenarten. Früher gab es in Grossbritannien 95'000 Hektar Flachland-Hochmoore, was 5% der gesamten Moore ausmacht. Heute existieren nur noch 6000 ungestörte Flachland-Hochmoore (Verlust von ca. 94%). Man kann sich also vorstellen, was das auch auf die Biodiversität für einen Einfluss hat.


Zwei Faktoren sind für den massiven Rückgang verantwortlich: die Entwässerung der Moore zur Schaffung von fruchtbaren Agrarböden und Torfabbau.


Früher wurde Torf oft als getrockneter Brennstoff verwendet, heute wird er hingegen hauptsächlich im Gartenbausektor eingesetzt. 22 Zentimeter werden pro Jahr im Durchschnitt beim Torfabbau entfernt. Es braucht 220 Jahre, um diese Bodenmasse zu regenerieren.


Warum sind Torfe & Moore wichtig?


1. Torf wirkt wie ein Schwamm, welcher Wasser in grossen Mengen speichern kann. In Grossbritannien ist dies aufgrund der häufigen Niederschlägen Gold wert. Nach dem Regen sickert das absorbierte Wasser tröpfchenweise nach unten. Ohne diese Moordecke aus Torf wird es häufiger Überschwemmungen geben.


2. Moore sind enorme Kohlenstoffspeicher, sogar noch grössere als Wälder. Die britischen Moore haben in den letzten 10'000 Jahre 5.5 Milliarden Tonnen CO2 eingelagert. Das sind 40 (?!) Mal so viel wie die 150 Millionen Tonnen CO2, welche die Wälder von Grossbritannien speicherten. Moore haben auch noch in einem anderen Punkt die Nase vorne. Im Gegensatz zu den reifen Wäldern, die irgendwann CO2-neutral werden, weil sie nicht mehr neues Kohlenstoffdioxid aufnehmen können, lagern die Moore einfach immer dickere Torfschichten an. Moore bedecken nur 3% der Landfläche der Welt, speichern aber insgesamt doppelt so viel CO2 wie die Wälder.


Nun gibt es ein weiteres Problem beim Abbau von Torf. Sobald die wertvolle Masse den wassergesättigten Bedingungen eines Moors entnommen und dem Sauerstoff ausgesetzt wird, beginnt sich das organische Material zu zersetzen und das gespeicherte CO2 wird wieder frei.[4]


Aufgrund dieser Fakten ist es fraglich, warum weiterhin massenhaft Torferde in den Supermärkten und Gartencentern verkauft wird. Die Alternativen liegen sehr nahe. Hat man einen eigenen Garten, kann eigene fruchtbare Erde durch einen Kompost geschaffen werden. Durch diesen Vorgang bleibt die ganze Biomasse im System und die Pflanzen geben ihre Nährstoffe dem Boden wieder zurück. Aus persönlichen Erfahrungen kann ich sagen, dass kompostieren unglaublich viel Spass macht, weil genau beobachtet werden kann, wie die unzähligen Würmer und Mikroorganismen die Küchenabfälle und die Pflanzenreste zu einer schwarzen, krümeligen Erde machen. Zudem wird mir immer wieder die Vergänglichkeit bewusst, wenn ich einen Komposthaufen betrachte. Das Schöne ist, dass in unserem geschlossenen System nichts wirklich verloren geht, sondern einfach in eine andere Form transformiert wird. So ist es auch mit unseren Körpern, wenn wir einmal sterben werden.





Klar hat nicht jeder Mensch die Möglichkeit oder Zeit zu kompostieren. Für diese Personen gibt es hervorragende torffreie Pflanzenerde zu kaufen. Trotzdem sollte hier auch politisch etwas geschehen. Unsere Regierung muss gesetzgeberisch aktiv werden, um die seltenen Moore zu bewahren. Daher kann ich zum Schluss nur noch einmal appellieren: Geht wählen, werdet aktiv, schliesst euch zusammen und schafft naturnahe Lebensräume in euren Gärten!





[1] https://www.plantura.garden/gartentipps/gartenpraxis/was-ist-torf [2] D. Goulson - Wildlife Gardening (S. 243) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Stoneyisland-Mann [4] D. Goulson - Wildlife Gardening (S. 244)

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